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Und es hat BIM gemacht

Aktualisiert: 25. Feb.

„Die Ampel steht“, und wenn einer zufrieden sein kann mit den Verhandlungs-Ergebnissen dieser Koalition aus SPD, FDP und Grünen, dann die Bauwirtschaft, für die sogar ein eigenständiges Ministerium für Bauen, Stadtentwicklung und Wohnen unter Führung der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Klara Geywitz eingerichtet wird.


„Wir werden die Bau- und Immo­bi­li­en­wirt­schaft sowie alle Ebenen der Ver­wal­tung unter­stützen, die Digi­ta­li­sie­rung zu meis­tern, Open-BIM und ein­heit­liche Schnitt­stellen/Stan­dards umzu­setzen“ Ampel-Koalitionsvertrag

Vor allem beim Infrastrukturausbau und bei der Schaffung von Wohnraum will die neue Bundesregierung Gas geben und sieht als wichtigstes Instrument die Digitalisierung im Bauwesen, was das Thema Building Information Modeling (BIM) in den Fokus rückt. „Wir werden die Bau- und Immo­bi­li­en­wirt­schaft sowie alle Ebenen der Ver­wal­tung unter­stützen, die Digi­ta­li­sie­rung zu meis­tern, Open-BIM und ein­heit­liche Schnitt­stellen/Stan­dards umzu­setzen“1), ist im Koalitionsvertrag ein Bekenntnis zu BIM festgeschrieben. Der Bun­desbau sei Vorbild bei der Digi­ta­li­sie­rung.

BIM ist die Arbeitsmethode der Stunde. Hierbei wird mithilfe spezieller Software (z.B. ArchiCAD) das jeweilige Bauwerk als virtuelles Modell erschaffen, noch bevor es überhaupt zur Ausführung kommt. „Eine Idee von BIM lautet, ein Gebäude erstmal digital zu bauen, es sich dann genau anzusehen und alles auf seine Funktionalität zu testen“, erklärt Peter Löffler, Head of Digital Construction Programs bei Siemens Smart Infrastructure, und stellt einen naheliegenden Vergleich an: „So kann man erkennen, was funktioniert und was nicht, was also geändert werden muss, um ein optimales Ergebnis zu erhalten. Genau so arbeitet schon seit vielen Jahren die Autoindustrie.“ Erst werde alles am „digitalen Zwilling“ geprüft, getestet und versucht – und wenn man die besten Ergebnisse hat, könne man anfangen zu bauen. 2)


Die Vorteile von BIM bestehen darin, Teams, Arbeitsabläufe und Daten über den gesamten Projektlebenszyklus hinweg, also von der Planung über den Bau bis hin zum Betrieb zu verbinden, um bessere Arbeitsweisen und Ergebnisse zu erzielen.

Eric Frisch, Vorstand bei Dömges Architekten ag in Regensburg, schwärmt von der BIM-Methode: „Der Bauherr erhält frühzeitig ein räumliches Abbild. In der Leistungsphase dient das Gebäudemodell als Grundlage für die Kosten-, Termin- und Qualitätsbeschreibung und wird zum digitalen Zwilling des Projektes angereichert“, so der Architekt. „Die Idee ist ein ganzheitlicher Ansatz, der in den frühen Planungsphasen einen Austausch zwischen Planern und Bauherr verlangt, um das Projekt und die Projektziele möglichst vollständig zu erfassen. Das Projekt wird am Anfang in seiner Struktur angelegt und im Laufe der Planung mit Informationen angereichert.“ 3)


„Der Kunde sieht schon früh, was er bekommt, und kann sein Haus dank der Visualisierung sehr detailgetreu auf sich wirken lassen.“ Jens Hartwig von BauPlan Nord

Frisch ist nicht allein mit seiner Vorliebe für die Bauwerksdatenmodellierung. „Vor allem die Bauherren sind begeistert“, erzählt Dipl.-Ing. Jens Hartwig von seinen BIM-Erfahrungen. „Der Kunde sieht schon früh, was er bekommt, und kann sein Haus dank der Visualisierung sehr detailgetreu auf sich wirken lassen oder beispielsweise verschiedene Fassadengestaltungen virtuell durchspielen“, erklärt der Inhaber von BauPlan Nord. Das schaffe natürlich auch Vertrauen und biete weitere Vorteile: „Die Planung wird vereinfacht, die Fehlerquoten fallen von Anfang an geringer aus und auch die Kostensicherheit ist höher. Davon profitieren unterm Strich alle, Planer wie Kunden gleichermaßen.“ Zudem könne auf die einmal erstellten Daten in ihrer Gesamtheit immer wieder unkompliziert zurückgegriffen werden – z.B. wenn ein Gebäude zu einem späteren Zeitpunkt umgebaut werden soll. 4)


BIM-Experte Dr. Kai-Stefan Schober erlebt gerade beim Umbau eines Hauses aus den 60er Jahren, was BIM alles leisten kann: Sein Architekt stelle ihm über eine App auf dem Tablet die Umbauentwürfe so zur Verfügung, dass er in einer vereinfachten dreidimensionalen Ansicht Zimmer für Zimmer begehen und entsprechende Änderungen durchgeben kann. „Da springen einen ästhetische Details an, wie z. B. eine ungenügende Türhöhe, ein eigenartiger Mauervorsprung u.v.m. Auch hier lässt sich feststellen, dass man späteren Komplikationen am Bau schon vorab begegnen kann. Die Änderungen werden dann in die BIM-Planung eingearbeitet und fließen in die Ausführungsplanung bzw. das Leistungsverzeichnis ein.“ 5)


BIM verspricht größere Transparenz und damit eine Vermeidung von Fehlern und Nacharbeit auf der Baustelle, welche die häufigsten Ursachen für Projektverzögerungen und Mehrkosten sind“, ist Dr. Lorenz Lachauer von der Mobile-Mapping-Firma „NavVis“ überzeugt, die ein quasi „Google Street view für Innenräume“ entwickelt hat. Ein Beispiel für den konsequenten Einsatz von BIM sei das neue Tesla-Werk in Brandenburg. „Hier sind durch die Digitalisierung der Baustelle fast täglich der Fortschritt und das Wachsen der Gebäude zu beobachten …Wenige Kilometer nördlich, am Flughafen BER, wurde das nur zu schmerzlich deutlich. Deutschland hat, was den Bereich BIM betrifft, einen großen Nachholbedarf.“ 6)


„Wir ent­wi­ckeln den Smart-City-Stu­fen­plan weiter, stärken BIM Deutsch­land und richten ein Smart-City-Kom­pe­tenz­zen­trum ein. Wir wollen die nut­zungsge­mischte Stadt.“ Ampel-Koalitionsvertrag

Bauministerin Klara Geywitz hat also alle Hände voll zu tun, die digitale Transformation in Deutschlands Bauwirtschaft voranzutreiben. Im Koalitionsvertrag ist jedenfalls ambitioniert die Rede davon, dass der Smart-City-Stufenplan weiterentwickelt und „BIM Deutschland“ gestärkt werden soll. Sogar von einem „Smart-City-Kompetenzzentrum“ ist die Rede. 7)


Bereits vor zwei Jahren wurde von der Vorgängerregierung „BIM Deutschland“ als das Zentrum für die Digitalisierung des Bauwesens gegründet. Das wichtigste Ziel ist die Erstellung abgestimmter und einheitlicher Vorgaben für den Infrastruktur- und Hochbau. Unternehmen, die sich um öffentlich ausgeschriebene Infrastrukturprojekte bewerben, müssen seit Anfang des Jahres zumindest in der Planungsphase mit BIM arbeiten.


Es hat BIM gemacht. Die Bau-Politik hat offenbar die Zeichen der Zeit erkannt und will die digitale Transformation vorantreiben und mit dem „Smart-City-Kompetenzzentrum“ sektorenübergreifende digitale Strategien für das Stadtleben der Zukunft entwickeln.

Bis es soweit ist, ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, Christoph Gröner, Vorstandsvorsitzender CG Elementum AG (CEO) ist skeptisch, was die BIM-Entwicklung in Deutschland betrifft: „Wir enden mit BIM schon beim Bauamt, wo die Planungen in 2D auf Papier eingereicht werden müssen. Auch der Subunternehmer kann nichts mit digitalen Kalkulationen anfangen, der hätte am liebsten eine Excel-Tabelle.“


Dabei seien die Vorteile von BIM offensichtlich: „Wenn sie zum Beispiel die Hamburger Elbphilharmonie als BIM-Projekt gebaut hätten, dann hätte jeder Drittklässler erkannt, dass allein mit dem Sockel die Mittel verbraucht gewesen wären. Immer, wenn ich die Rolltreppe hochfahre, weiß ich, diese 760 Millionen sind allein mit den roten Steinen verbaut worden“, so Gröner. Es sei absehbar gewesen. „Bei einer vernünftigen Kalkulation wäre man gleich bei 400 bis 500 Millionen Euro gelandet. Die Elbphilharmonie ist nur so teuer geworden, weil der Bau fast zwei Jahre stillstand. BIM wäre hier die Lösung gewesen.“ 8)



Quellen:

1) S.89 in Koalitionsvertrag 2021-2015

2) „Die Autoindustrie ist ein Vorbild“, S. 15 in inside corporates - BIM Entwicklung Nr.2 - 11/20

3) Experten-Insight“, S. 16 in inside corporates - BIM Entwicklung Nr.2 - 11/20

4) „Die Bauherren sind begeistert“, S. 30 in inside corporates - BIM Entwicklung Nr.2 - 11/20

5) „Ideen sind nichts wert, wenn sie nicht umgesetzt werden.“, S. 18 in inside corporates - BIM Entwicklung Nr.2 - 11/20

6) „Zehn Mal schneller als statisches Scanning“, S. 23 in inside corporates - BIM Entwicklung Nr.2 - 11/20

7) S.92 in Koalitionsvertrag 2021-2015

8) „Die fehlende Digitalisierung der Baubranche“, S.10 in inside corporates - BIM Entwicklung Nr. 6 - 09/21


Bildnachweise: Werner Schüring, Adobe, Vector Stock

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